Upside Down
- Patricia Pfarrhofer
- 4. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Reflexion zum Jahresende
Es hätten sich viele Themen angeboten, um dieses Jahr zu reflektieren. Ich hätte Erfolge markieren können, Entscheidungen rechtfertigen oder mich selbst feiern. Wahrscheinlich hätte das nach außen gut gewirkt. Stattdessen habe ich gemerkt, dass mich etwas anderes mehr interessiert: Mir selbst beim Gehen zuzusehen.
In den letzten Wochen habe ich ein paar Mal gehört, dass Menschen meine Texte lesen, dass sie darüber sprechen, dass Gedanken nachwirken. Das hat mich unglaublich glücklich gemacht, weil es mir gezeigt hat, dass etwas von dem, was mich beschäftigt, auch andere berührt. Und vielleicht auch, weil ich für mich heuer große Freude und gleichsam ein passendes Ventil entdeckt habe, diese Gedanken in die Welt zu bringen: das Schreiben.
2025 war – auch wenn es sich inzwischen nach deutlich mehr anfühlt – mein erstes Jahr in der Selbständigkeit. Ein Jahr der Anfänge. Und Anfänge kommen selten ohne Unsicherheit daher. Auch für mich nicht. Auch wenn manche meinten, ich würde mein Leben total in die eigene Hand nehmen, so war ich heuer oft nicht die Gestaltende. Eher die Mitfahrende. Eine Passagierin meiner eigenen Entscheidungen. Aufmerksam, manchmal überrascht, etliche Male überrumpelt und ganz sicher nicht immer wissend, wohin es genau geht.
Ich habe heuer mein gesamtes berufliches Leben auf den Kopf gestellt – upside down, im wahrsten Sinn. Nicht aus Spontaneität, unüberlegt oder aus Trotz, sondern als bewusste Entscheidung nach einem längeren inneren Prozess. Vieles, was lange selbstverständlich war, hat sich im Lichte dieser existenziellen Entscheidung neu sortiert: Für mich selbst, aber auch für mein Umfeld.
Ich habe Sicherheiten verlassen, die ich mir über Jahre mit viel Leidenschaft aufgebaut habe. Gewissheiten, in denen ich mich auskannte, Rollen, in denen klar war, wie Dinge funktionieren. Und wie ich zu funktionieren habe, damit ich als erfolgreich wahrgenommen werde. Und dieser Schritt hat mir - nebst vielen anderen Erkenntnissen - sehr deutlich vor Augen geführt, dass Veränderung nie nur eine innere Angelegenheit bleibt oder bleiben kann. Sie wirkt nach außen. Sie berührt andere. Sie löst Reaktionen aus. Immer.
Der Satz, den ich dieses Jahr wahrscheinlichsten am häufigsten gehört habe, war: „Du bist so mutig.“
Vielleicht stimmt das. Ganz sicher greift es aber auch zu kurz. Denn diese Veränderung war weniger ein mutiger Sprung als vielmehr das Ergebnis eines genauen Hinschauens, eines Abwägens und eines bewussten Loslassens dessen, was nicht mehr stimmig war.
Ich habe dabei vieles zurückgelassen, aber nicht alles verloren. Im Gegenteil. Ich habe wunderbare Menschen mitgenommen. Beziehungen erhalten und vertieft. Neue Menschen kennengelernt, die mich inspirieren und glücklich machen. Und ich habe Neues entdeckt: neue Aufgaben, neue Talente und eine große Freude, die mich durch dieses Jahr getragen hat – das Schreiben.
Schreiben tut meiner Seele gut.
Irgendwie wirkt es auf mehreren Ebenen. Einerseits lege ich mit meinen geschriebenen Gedanken bewusst meine Sichtweise offen, weil ich den Blick auf Dinge lenken möchte, die in der Hitze des Gefechts, im Alltag und in der großen weiten Businesswelt oft zu kurz kommen. Mich interessiert die Wertschätzung für jene grundlegenden Aufgaben, die Wirtschaft, Gemeinschaft und Zusammenhalt überhaupt erst möglich machen. Ich empfinde großen Respekt für die Menschen, die das Werkel am Laufen halten – ohne große Bühne, aber mit hoher Kompetenz und Verantwortung.
Mich interessiert die Fähigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, voneinander zu lernen und unterschiedliche Perspektiven nicht als Störung, sondern als Kraftquelle für tragfähige, oft bessere Lösungen zu nutzen. Und mich interessiert Höflichkeit und Zugewandtheit als Grundlage eines gedeihlichen Miteinanders. Nicht als Nettigkeit oder Barmherzigkeit, sondern als professionelle Kompetenz.
Vielleicht auch ganz bewusst als Gegenentwurf zu egomanischen Selbstdarstellern, die mehr mit sich selbst und ihrem eigenen Fortkommen beschäftigt sind als mit den Menschen, mit denen sie arbeiten. Menschen, die Teams und Beziehungen in einem Zustand zurücklassen, der eher an einen Scherbenhaufen erinnert als an Entwicklung – und die dann weiterziehen, von Organisation zu Organisation, in immer höhere Sphären, während andere mit den Folgen ihres Wirkens zurückbleiben.
Was mich dabei wirklich vorantreibt, ist etwas sehr Konkretes: Denen eine Stimme zu geben, die oft zu wenig Gewicht haben. Junge Menschen, die am Anfang stehen und mehr Zuschreibungen als echte Gesprächsräume erleben beispielsweise. Oder Ältere, deren Erfahrung zwar gerne zitiert, aber nicht immer wirklich gehört wird. Und auch jene, die in Werkstätten, Produktionshallen, Krankenhäusern, Lebensmittelhändlern oder im Hintergrund arbeiten und ohne großes Aufsehen dafür sorgen, dass alles läuft.
Und dann gibt es noch eine ganz persönliche, professionelle Ebene: Das Schreiben macht mich im Kopf klarer. Es sortiert meine Gedanken, macht mich wach. Es legt mir Erkenntnisse vor die Füße, die ich vorher nicht gesehen habe. Konzepte, die erst im Schreiben ihre Form finden und mir zeigen, worum es für mich eigentlich geht – jenseits von Schlagworten, Moden und schnellen Lösungen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir diese Form des Denkens auch in meiner Arbeit so wichtig ist. Auch Organisationen scheitern selten an fehlendem Wissen. Sie scheitern daran, dass zu wenig Raum bleibt, um wirklich hinzuschauen, Zusammenhänge zu erkennen und unterschiedliche Perspektiven ernsthaft nebeneinander stehen zu lassen. Schreiben ist für mich eine Übung darin, Komplexität auszuhalten, ohne sie zu verflachen, sie zu beschreiben und damit Klarheit zu gewinnen, ohne vorschnell zu vereinfachen.
Was ich aus diesem Jahr mitnehme, sind drei ganz persönliche Learnings - und ich schenke sie mir selbst für die Zeiten, in denen Herausforderungen und schwere Zeiten daher kommen.
Erstens: Unruhe ist kein Mangel. Sie ist ein Zeichen von Bewegung. Eine mögliche Art, mit ihr umzugehen, ist nicht, sie zu beruhigen, sondern hinzuschauen. Neugierig zu fragen: Was sagt mir das gerade? Was will sich zeigen?
Zweitens: In Phasen der Veränderung ist es für dich hilfreich, sich Dinge zu tun, die zu hundert Prozent im eigenen Gestaltungsbereich liegen. Etwas, das nicht von Rückmeldungen abhängt. Nicht von OKs der anderen. Nicht von "schönen Nasenlöchern". Nicht vom Markt. Etwas, das bleibt, wächst und sich entwickelt, auch wenn viele "Neins" auf dich einprasseln.
Drittens: Die eigene Veränderung hat Wirkung. Nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Wenn man etwas verlässt, geraten auch andere in Bewegung. Manche reagieren darauf mit Fragen, manche mit Widerstand, manche mit Bewunderung. All das gehört dazu. Denn wer seinen eigenen Weg geht, zeigt – oft unbeabsichtigt –, dass auch andere sich bewegen dürfen. Und durch diese Veränderung bist du Vorbild für andere. Für deine Kinder. Deine KollegInnen. Deine Freunde und Familie.
Für 2026 wünsche ich mir, mir selbst weiterhin auf die Schliche zu kommen. Bei mir zu bleiben. Und noch mehr zu mir zu finden. Meine Gewissheiten und Überzeugungen, die ich im Inneren längst habe, werde ich auch nach außen tragen – ruhig, klar und ohne mich zu verbiegen. Mit meiner Kompetenz, meinem Gespür und meinen Worten in jeder Begegnung.
Und zum Schluss möchte ich Danke sagen. Danke an alle, die an mich geglaubt haben. An jene, die sich Zeit genommen haben, meine Ideen anzuhören, mitzulesen, mitzudenken, nachzufragen. Danke an alle Anpacker:innen und Mutigen, die mir von der allerersten Sekunde an ihr Vertrauen geschenkt haben.
Danke meinen Freund:innen – und jenen, die heuer zu meinen Freund:innen geworden sind. Und danke vor allem an die Menschen, die mich seit Jahren begleiten: meinem Mann, meinen Kindern, meiner Familie. Ohne euch wäre das alles nichts.
2026 wird ein gutes Jahr werden. Und genau das wünsche ich euch allen auch.




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